Leseprobe

Prolog


Die Blätter an den Ästen der Bäume raschelten leise, als ein
leichter Wind aufkam. Vor dem schwarzen Himmel trieben
schwere graue Wolken dahin, als wären sie auf der
Flucht. Beinahe wünschte der Hohepriester der Insel Daron, dass
er ihnen hätte folgen können, um der Aufgabe zu entgehen, die vor
ihm lag, doch das war unmöglich. Er hatte die Zukunft gesehen.
Glasklar wie ein Spiegel lag sie vor ihm. Schon seit Wochen veränderten
sich die Visionen nicht, egal, welche Entscheidungen er traf.
Mittlerweile hatte er sich damit abgefunden, dennoch konnte er
ein Schaudern nicht unterdrücken. Nicht um seinetwillen fürchtete
er sich, denn dazu bestand kein Anlass mehr, doch um alle, denen
die Dunkelheit bevorstand, in die er geschaut hatte. Die tiefe
Schwärze, die ihn jedes Mal hinabzog, wenn ihm die Götter einen
Blick in die Zukunft gewährten.
Mühsam lenkte er seine Augen auf den Kreis der Bäume vor
ihm, in das goldene Wabern des Schutzbannes zwischen ihnen,
den sie um das Heiligtum in ihrer Mitte zogen. Langsam legte sich
das Zittern in seinem Innern. Für ihn war es bald geschafft. Noch
heute Nacht würde seine Reise zu Ende gehen. Fast hatte der Gedanke
etwas Tröstliches.
Der empörte Schrei und das Rauschen der Flügel eines aufgescheuchten
Nachtvogels kündigten das Kommen des Königs an,
noch ehe der Hohepriester das Stampfen der Schritte und das Rasseln
der Schwerter und Kettenhemden vernahm. Langsam wandte
er sich zu der kleinen Gruppe um.
Massig wie ein Fels stand Kertor, der König der kleinen Insel Daron,
inmitten seiner Leibwächter. Mindestens zwanzig Männer und
Frauen der elojasi daron, der „Schwerter der Insel“, alle in rote Uniformen
gekleidet, Schwerter über die Nasenwurzeln tätowiert und
scharfe Klingen an der Hüfte. Waffen waren in Deerita, der Stadt
der daronischen Priesterschaft, verboten, doch der König scherte
sich schon lange nicht mehr darum.
Förmlich kreuzte der Hohepriester die Arme vor der Brust zum
Gruß, doch er erntete nur Kälte aus silbernen Augen. Seufzend
wandte er sich wieder um und begann das Gebet zu singen, welches
die Bäume bat, einen Durchlass im Schutzkreis freizugeben.
Schon unzählige Male hatte er das getan, so dass seine Gedanken
jetzt wieder zum König abschweifen konnten.
Er kannte Kertor bereits, seit dieser ein Knabe gewesen war.
Schon immer war der Prinz anders gewesen, als andere Jungen.
Ernster, strenger, misstrauischer, vielleicht sogar mit einer Neigung
zur Grausamkeit. Seine übersinnlichen Fähigkeiten waren äußerst
stark ausgeprägt, und er hatte früh Gefallen daran gefunden, auszuprobieren,
was er mit ihnen bewirken konnte, oft auch auf Kosten
anderer. Stets war er jedoch der Stimme der Vernunft zugänglich
gewesen. Bis zu dem Tag, an dem seine Eltern starben. Sie waren
auf Einladung des Kaisers von Romii – dem Reich des Festlandes
des Kontinents Krisaria – in dessen Palast gewesen und dort beide
schwer erkrankt. Die Ärzte des Kaisers hatten ihnen nicht helfen
können, und nachdem man endlich nach Daron berichtet hatte,
hatten die von dort entsandten Heiler nur noch die Leichname des
Königspaares mit nach Hause nehmen können. Von dem Tag an,
an welchem er die von der Krankheit entstellten toten Körper seiner
Eltern gesehen hatte, war der neue König von Daron vom Gedanken
der Rache besessen gewesen, denn er gab den Romiiri die
Schuld am Tod seiner Eltern. In seinem Schmerz verfiel er nicht nur
dem Wunsch, die Bewohner des Festlandes büßen zu lassen, sondern
ihr Land zu erobern und unter seine Herrschaft zu bringen.
Das war Wahnsinn, denn die Krieger der Insel waren zwar gute
Kämpfer, aber denen des Festlandes zahlenmäßig weit unterlegen.
Doch jeder, der Einwände erhob, wurde zum Schweigen gebracht.
Immerhin waren es so viele, dass Kertor momentan noch vollkommen
damit beschäftigt war, sein eigenes Volk zur Kooperation zu
zwingen – und damit, neue Krieger auszubilden.
Das leise Summen, mit dem sich der Schutzkreis in die Bäume
zurückzog, brachte die Aufmerksamkeit des Hohenpriesters wie9
der in die Gegenwart. Ohne zu zögern, schritt er voran zum Herzstück
der Lichtung, einer Felsformation, aus der violettes Wasser
einer munter plätschernden Quelle in einen kleinen Teich sprudelte.
Langsam ließ sich der Hohepriester davor auf die Knie nieder,
erwartete die Frage seines Königs.
Er musste sich nicht lange gedulden. Kaum spürte er die vom
Tag noch warme Erde durch den Stoff seines dünnen blauen Gewandes,
da forderte Kertor schon mit vibrierender Ungeduld in der
tiefen Stimme: „Frag die Götter, ob ich mein Ziel, ganz Krisaria zu
beherrschen, bald erreicht haben werde!“
Jetzt konzentrierte sich der Hohepriester vollkommen auf seine
Aufgabe. Der Blick seiner goldenen Augen richtete sich auf die
unendliche Tiefe des kleinen Teiches, in dessen glatter Oberfläche
sich das Licht der zwei Monde von Krisaria spiegelte. Mit jedem
Atemzug wurde sein Körper durchlässiger, machte sich bereit, als
Gefäß für Arada und Arad, das göttliche Paar der daronischen Religion,
zu dienen. Kurz schoss der Wunsch in ihm hoch, die Götter
mögen ihm selbst hier an der Sehenden Quelle heute keine Vision
schenken, doch er fühlte ihre Nähe bereits. Als die Anziehung des
vom Mondlicht schimmernden schwarzen Wassers nahezu unerträglich
wurde, schloss der Hohepriester die Augen.
Sofort erfüllte ihn das silberne Licht Arads, und er hörte seine
eigene Stimme wie aus weiter Ferne mit dem hallenden Echo
des Gottes tönen: „Dies, Kertor, sei die Antwort auf deine Frage:
Du wirst ganz Daron innerhalb kurzer Zeit unter deinen Willen gezwungen
haben. Das Land Romii aber wirst du nicht ohne Widerstand
einnehmen können. Das Blut der Völker Krisarias wird den
Boden tränken auf deinem Weg zum absoluten Herrscher. Doch
wisse dies: Aus der Dunkelheit, die du über die Welt bringst, werden
zwei Kinder hervorgehen. Unterschiedlichen Geschlechts, geboren
am selben Tag von derselben Mutter, gezeichnet von den
Göttern. Sie werden eine Hälfte von sich opfern, um dich zu vernichten
und dein Ende wird der Beginn eines Goldenen Zeitalters
sein, in welchem Sonne und Mond Seite an Seite über das vereinte
Krisaria herrschen werden.“
Noch bevor die Stimme verklungen war, hatte der Hohepriester
das Singen eines Schwertes gehört, das aus einer Scheide gezogen
wird, und so überraschte es ihn auch nicht, nun kalten Stahl an
seinem Hals zu spüren. Als er die Augen öffnete, sah er den König
über sich. Eine sehnige Kriegerin mit harten Gesichtszügen führte
das Schwert.
Die silbernen Augen des Monarchen sprühten zorniges Feuer.
„Zwillinge also, ja? Und von den Göttern gezeichnet? Also Priester!
Ich wusste schon immer, dass ich euch nicht trauen kann, dass ihr
das Volk gegen mich aufwiegelt, aber das hat jetzt ein Ende. Die
Prophezeiung wird nicht erfüllt werden!“
Dem Hohepriester war sofort klar, was diese Worte bedeuteten,
dass sich nun seine Visionen erfüllten. Doch er bettelte nicht
um Gnade, sondern sandte eine telepathische Aufforderung an
seine Kinder, Zwillinge verschiedenen Geschlechts, die ebenfalls
beide Priester waren, sich in Sicherheit zu bringen, ehe er spürte,
wie der Stahl des Schwerts in seine Kehle drang. Erneut schloss der
Hohepriester die Augen. Das silberne Licht Arads war noch immer
hier, bereit, seinen Diener nun für eine lange Weile ganz in sich
aufzunehmen. Goldenes Blut tränkte den Kragen seines blauen
Gewandes, doch der Hohepriester spürte nur noch die Wärme des
Gottes. Das letzte, was er hörte, war das Schreien der sterbenden
Bewohner Deeritas.

 

 

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© Saskia Rönspies